Vorwort

Laut eines weit verbreiteten Mythos haben die Eskimos an die hundert verschiedene Wörter für Schnee. Dabei handelt es sich um eine 1911 von dem deutschstämmigen Sprachwissenschaftler, Ethnologen und Anthropologen Franz Boas in die Welt gesetzte Fabel, die aufgrund mangelnden Verständnisses der polysynthetischen Sprache der nordischen Völker entstanden ist. Erst 1986 verfasste die Anthropologin Laura Martin einen im „American Anthropologist“ erschienenen Aufsatz mit dem Titel „Eskimo Words for Snow“, welcher diesen Mythos aufklärte. Franz Boas hatte wahrscheinlich nur aussagen wollen, dass sich die Eskimos ihrer Lebensumwelt sprachlich angepasst hätten. Wer ständig von Schnee umgeben ist, beschreibt diesen differenzierter.

So wie der Bewohner einer Polarregion den Schnee kennt, kenne ich verschiedene Arten von Kopfschmerzen. Mit jeder davon ist anders umzugehen. Die klassischen Begriffe für affektive (z. B. quälend, marternd, lähmend, schrecklich, heftig) und sensorische (z.B. pulsierend, pochend, stechend, dumpf, drückend, brennend) Schmerzbeschreibungen reichen bei weitem nicht aus, um das Gesamtkunstwerk Clusterkopfschmerz umfassend zu beschreiben.

Schmerz ist das, was der Mensch als solchen empfindet. Dabei kann es zwischen ihm und seiner Umgebung zu deutlichen Verständigungsschwierigkeiten über das Leiden kommen. Der Schmerz ist eine stark subjektiv gefärbte Wahrnehmung. Es ist schwierig, sie anderen Menschen verständlich und eindeutig mitzuteilen.

Dieses Buch dokumentiert und beschreibt die Auswirkungen einer chronische Krankheit, des Clusterkopfschmerzes, auf mein Leben, meine Gedanken und mein Weltbild. Ich bin Betroffener, damit Patient und kein Arzt. Ich kann und will keine Diagnosen stellen. Ich will vielmehr versuchen, den erlebten Schmerz und dessen Konsequenzen zu Papier zu bringen. Es ist auch ein bisschen so, als würde ich einem Mallorquiner den Unterschied zwischen Schnee, Firn, Harsch und Sulz erklären.

Als ich mit dazu entschied, meine Krankheitsgeschichte aufzuschreiben, war ich noch deutlich verbitterter als heute. Inzwischen erschrecke ich selbst über meine ersten Titelideen. Diese lauteten „Ohne Ausweg – gegen den Schmerz würde ich meine Seele verkaufen“, „Der Schmerz bleibt bei dir“, „Die Schmerzen hast du“, „Leiden kannst du nicht teilen“, „Helfen kann dir keiner – mit den Schmerzen musst du leben“ oder gar „Clusterkopfschmerzen – wenn du dich selber folterst“. Ich versuchte den Schmerz hinauszuschreien, da ich mich nirgendwo ausreichend verstanden fühlte. Glücklicherweise habe ich zwischenzeitlich offene Ohren gefunden und dabei am Ende auch gelernt, mir selber zuzuhören.

Was ist Clusterkopfschmerz

Im Laufe der Jahre ist das Phänomen der Clusterkopfschmerzen mehrfach neu beschrieben worden. So kommt es, dass es für diese eher seltene Erkrankung sehr viele verschiedene Namen gibt. Heute wird der Clusterkopfschmerz von Medizinern nach ICD-10 mit dem Kürzel G44.0 bezeichnet.

Die ICD-10 von 2011 ist die derzeitig gültige Fassung eines weltweit anerkannten Diagnoseklassifikations- und -verschlüsselungssystems, welches von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben wird.

Früher verwendete Begriffe und Bezeichnungen sind:

Ziliare Neuralgie, Erythromelalgie des Kopfes, Erythroprosopalgie, Hemicrania angioparalytica, Hemicrania periodica neuralgiformis, Histaminkopfschmerz, (Bing-)Horton-Syndrom, Harris-Horton-Syndrom, migränöse Neuralgie nach Harris, Petrosusneuralgie nach Gardner, Sluder-Neuralgie, Neuralgie des Ganglion sphenopalatinum und Vidianusneuralgie.

Der ebenfalls durchaus verwendete Terminus „Selbstmordkopfschmerz“ (engl. Suicide-Headache) wird verständlicherweise gerne vergessen.

Unglaublich viele Namen für eine Krankheit, die unglaublich zahlreiche Facetten besitzt. Es bleibt ein Mysterium, warum für eine relativ seltene Krankheit im Laufe der letzten 150 Jahre so viele Bezeichnungen entstanden sind. Möglicherweise, weil tatsächlich kaum ein Cluster dem anderen gleicht. Es verleiht jedoch der allgemeinen Hilflosigkeit gegenüber dem Phänomen Ausdruck.

Der Clusterkopfschmerz, eigentlich das Cluster-Kopfschmerz-Syndrom (CKS), ist eine chronische und unheilbare Erkrankung. Es wird zu den Trigemino-autonomen Kopfschmerzerkrankungen (TAK) gezählt, zu denen auch die paroxysmale Hemikranie (PH) und das SUNCT-Syndrom (Short-lasting unilateral neuralgiform headache with conjunctival injection and tearing) gehören.

Wikipedia definiert die TAK wie folgt:

„Trigemino-autonome sind eine Gruppe von attackenartigen, einseitigen Kopfschmerzen im Bereich des Trigeminusnervs, die mit autonomen (nicht beeinflussbaren) parasympathischen Symptomen im Kopfbereich, wie z.B. Augentränen oder laufender Nase, einhergehen. Der Begriff trigeminal-autonomic cephalgias wurde erstmals 1997 von Peter J. Goadsby und Richard B. Lipton verwendet.“

Weitere ähnliche Kopfschmerzarten sind die Hemicrania continua, bei der ein andauernder Schmerz vorliegt und bei der die autonomen Merkmale weniger konstant vorhanden sind, und das SUNA-Syndrom (Short-lasting unilateral neuralgiform headache attacks with cranial autonomic symptoms). Diese werden jedoch in der Kopfschmerz-Klassifikation der International Headache Society (IHS) in der Gruppe „Andere primäre Kopfschmerzen“ geführt. Die unterschiedlichen Arten der trigemino-autonomen Kopfschmerzen unterscheiden sich hauptsächlich durch das Zeitmuster der Attacken in Dauer und Frequenz voneinander.

Kennzeichen sind extrem starke (Kopf-)Schmerzattacken. Relativ eindeutige Merkmale des CKS sind das einseitige Auftreten und die charakteristischen Begleiterscheinungen wie gerötete Augen, Tränenfluss, geschwollene Nasenschleimhäute, Pupillenverengung und Schwitzen im Gesicht. Die Schmerzen dauern 15 bis 180 Minuten an. Die Anzahl der Attacken schwankt stark je nach individuellem Krankheitsverlauf. Es kann eine nächtliche Attacke alle zwei Tage sein oder mehrere pro Tag. Mein persönliches Maximum liegt bei fünf Attacken pro Tag. Im Gegensatz zu fast allen anderen Kopfschmerzarten geht eine Cluster-Attacke mit Unruhe daher. Und völlig anders als bei Migräne besteht keine Licht- und Geräuschempfindlichkeit.

Die Intensität der Schmerzen kann durchaus zur Bewusstlosigkeit führen. Während einer schweren Attacke ist der Betroffene möglicherweise nicht ansprechbar und ist z.  B. motorisch nicht in der Lage, sich die Schnürsenkel zu binden.

Beim CKS wird zwischen episodischer und chronischer Verlaufsform unterschieden, wobei auch die episodische Verlaufsform eine chronische Krankheit darstellt. Bei der episodischen Verlaufsform treten die Schmerzattacken gehäuft in einem Zeitraum auf und werden zwischenzeitlich von beschwerdefreien Remissionsphasen unterbrochen. Die Schmerzepisode kann von einigen Wochen bis zu mehreren Monaten dauern. Die Remissionsphasen können sich sogar über Jahre erstrecken. Fehlen diese Remissionsphasen oder sind sie zu kurz, um als wirkliche Erholungsphase dienen zu können, spricht man von der chronischen Verlaufsform.

Ironischerweise ist der Clusterkopfschmerz selbst, trotz der intensiven Schmerzen, ungefährlich. In der Medizin spricht man von einem gutartigen Leiden, da es z.  B. im Gegensatz zu Krebs, nicht zum Tode führt. Danke, liebe Mediziner, für diese Bagatellisierung.

Wie stark der Einfluss des CKS auf das persönliche Leben ist, hängt von Anzahl und Häufigkeit der Attacken ab. Erlebt man pro Jahr zwei Monate Episode mit einer nächtlichen Attacke alle zwei Tage und erfreut sich dazwischen einer zehnmonatigen Remission, so wird man wahrscheinlich hin und wieder gefragt, wieso man so unausgeschlafen aussieht. Ist man jedoch an der chronischen Verlaufsform erkrankt und hat im Schnitt jeden Tag drei Attacken oder mehr von hoher Intensität, dann ist an ein normales Leben zumeist nicht mehr zu denken. An dieser Stelle wird Cluster zum stetigen Begleiter, welcher sich in alle Bereiche des Lebens einmischt. Insbesondere bei schweren Verlaufsformen hängt der Grad der Beeinflussung zusätzlich auch stark vom sozialen Umfeld und nicht zuletzt der finanziellen Absicherung ab.

Die Schmerzen sind für mich nicht einfach ein Phänomen, welches auftritt und wieder geht. Meinem Verstand ist zwar klar, dass es sich letztendlich nur um elektrische Signale – Nervenimpulse – handelt, welche in meinem Gehirn Amok laufen. Ich empfinde den Schmerz bzw. die Schmerzen jedoch wie einen lebenslangen Begleiter. Geradezu wie ein lebendes Wesen. Der Cluster ist hierbei ein tobendes Tier, das rücksichtslos zuschlägt – ohne jedes System, ohne jede Vorwarnung. Eine Migräne hingegen ist wie ein eifersüchtiges Wesen. Eines, das die ganze Aufmerksamkeit für sich will, dieses jedoch fairerweise vorher ankündigt.

Weitere Details, insbesondere zu den aktuellen Behandlungsempfehlungen des Clusterkopfschmerzes, können z.B. den aktuellen Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie entnommen werden. Diese finden sich im Internet unter folgender Adresse:

http://www.dgn.org/leitlinien.html

Warum ich?

Warum passiert gerade mir das? Warum gerade jetzt? Dies dürfte eine Frage sein, die sich nicht nur Clusterköpfe stellen. Jedem, dem das Leben ein schweres Schicksal beschert, dürfte diese Frage irgendwann in den Sinn kommen – oder auch immer und immer wieder.

Eine Antwort darauf kenne ich nicht. Und die Suche nach ihr ist in ihrer Ergebnislosigkeit ermüdend. Daher bewirkt die Frage letztendlich nur eine noch größere Erschöpfung. Die Umstände aber bewirken, dass man sich ihr nicht vollends entziehen kann.

Mich begleitet der Cluster nun schon ein gutes Jahrzehnt. In dieser Zeit gab es gute und schlechte Tage. Dem Schmerz ist es immer egal, wann er sich in Szene setzt. Wild gestreut folgt er schon seit Jahren keinem erkennbaren Rhythmus. Ganz sicher bin ich mir, dass er sich von inneren wie äußeren Umständen völlig entkoppelt hat. Es scheint geradezu, als besitze er eine eigene Intelligenz, als sei er tatsächlich ein eigenständiges Wesen. Er meldet sich und herrscht, wann es ihm passt.

Warum ich? Insbesondere bei der Migräne suchen wir den Grund u.a. in der Schieflage der Seele, der Bedürfnisse oder Ansprüche. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass ein solcher Zusammenhang bei vielen Migränen entdeckt werden kann. Oliver Sacks spricht in seinem umfassenden Buch über die Migräne darüber, dass jede Migräne einen Grund habe. Zu dieser Feststellung sei er nach der Untersuchung von über 1000 Migränefällen gekommen.

Der Cluster ist jedoch keine Form der Migräne, sondern eine möglicherweise verwandte Krankheit. Daher, liebe Ärzte, behandelt den Cluster nicht so, als wäre er eine Form der Migräne, auch wenn zweifelsfrei Parallelen bestehen. In meinem Kopf kenne ich vier verschiedene Formen von Kopfschmerzen. Und jede davon will anders behandelt werden. Jede erfordert ihre eigene persönliche Reaktion.

Auf das „Warum ich?“ wird es womöglich nie eine Antwort geben, aber eventuell können wir dafür sorgen, dass der Cluster als wirklich eigenständige Krankheit angenommen wird. Wir haben nicht nur Kopfschmerzen, und wir haben auch keine Form der Migräne.

Wie geht es dir

Die harmlose Frage „Wie geht es dir?“ wird zum alltäglichen Spießrutenlauf. Kaum jemand, der sich nach dem Befinden erkundigt, will auch wirklich etwas darüber wissen. Und darauf antworten will eigentlich auch niemand. Trotzdem gehören die entsprechenden Höflichkeitsfloskeln häufig zum Eröffnungsritual von Konversationen. Der Unwillen manifestiert sich in meiner Heimat gerne in folgender Frage/Antwort-Konstellation:

F: „Wie isset?“

A: „Muss!“

Plaudertaschen verwenden zeitweilig die Langversion: „Muss! Und selbst?“ Humorvolle Zeitgenossen kontern gern mit einem: „Gestern ging’s noch.“ Zugelassen sind eigentlich nur Antworten wie: „Es geht“, „Es geht gut“ und vielleicht noch „Es geht so“. Richtiger wäre in meinem Fall oftmals eine eher philosophische Antwort wie: „Das ist eine komplexe Frage, auf die ich derzeit keine einfache Antwort gehen kann.“ Solche Antworten spart man sich allerdings am besten für den Besuch beim Arzt auf. Denn selbst gute Freunde fragen oft, ohne überhaupt Zeit für eine wirkliche Antwort zu haben.

Für einen langen Zeitraum hätte ich die Frage nach dem Befinden wahrheitsgemäß recht deutlich mit „Beschissen!“ beantworten müssen. Macht man natürlich nicht. Aber wieso eigentlich nicht? Zum einen widerstrebt einem möglicherweise die Verwendung eines derartigen Vokabulars. Dann will man ja auch gar nicht jedem wirklich sagen – und womöglich wortreich erklären – was los ist und wie es einem wirklich geht. Und zu guter Letzt wollen die meisten Fragesteller nicht wirklich eine Antwort. Es ist ein aus dem Ruder gelaufenes Ritual. Androiden, die Teil einer Raumschiffbesatzung sind, können die Frage mit den schlichten Worten „Ich funktioniere innerhalb normaler Parameter“ beantworten. Normale Menschen sind im Strudel der Gedankenlosigkeit gefangen. Ein Sog, der mit einem vermeintlichen Akt der Höflichkeit beginnt. Doch das Gegenteil von „gut“ ist nun mal „gut gemeint“. Wie höflich ist es am Ende, ein Gespräch mit einer Frage zu beginnen, auf die der Fragende gar keine Antwort erwartet? So ist doch die Höflichkeitsfloskel die eigentliche Unhöflichkeit.

Doch egal wie recht oder unrecht ich mit dieser philosophischen Betrachtung habe, es wird rein gar nichts daran ändern, dass einem die Interesse heuchelnde Frage nach der eigenen Befindlichkeit im Leben immer wieder gestellt wird. Und da dies weitaus häufiger als einmal im Jahr vorkommt, ist es den Aufwand wert, sich Gedanken darüber zu machen. Denn diese Frage stiftete für mich selbst oft nur Verwirrung. Ich konnte überhaupt nicht genau formulieren, wie es mir eigentlich ging. Zu dem Zeitpunkt, da ich gefragt wurde, hatte ich womöglich gar keine akuten Beschwerden. Eine Stunde davor jedoch schon. Oder die Schmerzen waren nur dank einer Imigran-Injektion verschwunden. Zudem bin ich womöglich in der vergangenen Nacht mehrfach aufgrund von Schmerzen aufgewacht.

Nein, in solchen Momenten weiß ich nicht, wie es mir geht. Da bin ich froh, wenn ich realisiere, dass ich bin, also überhaupt existiere. Wie soll ich jetzt auf diese Frage antworten? Die Antwort ist letztlich egal, da die Frage ja sowieso zumeist nur eine Floskel ist.

Was mir nicht egal war, ist die Tatsache, dass ich mich letztendlich selbst verwirrt habe, wenn mir diese Frage gestellt wurde. Was sollte ich nun also tun? Zuerst ist es hilfreich zu unterscheiden, ob der Fragende ein aufrichtiges oder professionelles Interesse hat oder eben nicht. Kommt die Frage von einem Arzt, Therapeuten oder besorgten Freunden? Oder vom Nachbar, den man zufällig beim Einkaufen trifft?

Im zweiten Fall, also der Floskel, tendiere ich inzwischen zu der negativsten noch allgemein zulässigen Antwort: „Es geht so.“ Möglich wäre auch der Volley-Return in der Form von: „Es geht. Und selbst?“ Für den Fall, dass der ursprünglich Fragende jedoch ähnlich tickt wie ich selbst, erzeuge ich damit möglicherweise eine Doppelspirale mit unkontrollierbarer Sogwirkung. Also lasse ich das besser.

Eine Zeit lang habe ich versucht, humoristisch auszuweichen und z.B. mit „Schlechten Menschen geht es immer gut oder war das anders herum?“ geantwortet. Das war mir in jedem Fall lieber als eine nicht den Tatsachen entsprechende positive Antwort.

Wer das schafft, hat es natürlich leicht. Mit einem einfachen „Gut“ ist der Spuk am schnellsten vorbei. Um es etwas abzuschwächen, geht auch noch ein „Gut, soweit“. Eine Floskel sollte auch als solche behandelt werden. Denn dass diese in mir Verwirrung auslöst, ist nicht die individuelle Schuld des Fragenden. Wie so oft gilt auch hier, dass letztendlich die eigene Bewertung zugleich der ausschlaggebende und auch der beeinflussbare Faktor ist.

Jetzt möchte ich noch einmal zurück zum ersten Fall kommen. Wir werden von jemandem mit echtem Interesse gefragt. Vom Arzt, vom Therapeuten oder von einem Freund. Die, die einen Heilberuf ausüben, haben natürlich eine sachliche Antwort verdient, denn alles andere wäre der Sache nicht dienlich. Freunde frage ich inzwischen, ob sie eine höfliche oder eine ehrliche Antwort haben wollen. Und das funktioniert erstaunlich gut.

Doch egal wie sehr ich mich darauf vorbereite und was ich mir auch vornehme oder zurechtlege, ich mag sie einfach nicht, die Frage nach dem Befinden.

Kopfzerbrechen

Wenn einen etwas beschäftigt, dann sagt man gern: „Das bereitet mir Kopfzerbrechen.“ Und so bricht dem ernsthaft chronisch Kranken der alltägliche Sprachgebrauch ganz ungewollt das Genick. Mit Tumoren geht man nicht so leichtfertig um. Ein Spruch wie „Tumor ist, wenn man trotzdem lacht“ wird als rabenschwarz eingestuft.

Aus dem Volksmund kennt man einige Äußerungen, die allesamt schildern, wie äußere Einflüsse sich im Wohlbefinden niederschlagen. So kann einem ein unangenehmes Gespräch „auf den Magen schlagen“ und ein Schreck „das Herz in die Hose rutschen“ oder sogar „das Blut gefrieren“ lassen. Ärgert uns etwas, dann kann das zu einem „dicken Hals“ führen und wir könnten „aus der Haut fahren“. Hilft das nicht, dann „haben wir die Nase voll“. Auch werden wir „blass vor Angst“, „rot vor Wut“ und unsere Haare können sich „sträuben“.

Diese psychosomatischen Zusammenhänge haben sich im allgemeinen Sprachgebrauch niedergeschlagen. Mit dem Kopfschmerz ist man allerdings noch einen Schritt weitergegangen. Kopfschmerzen haben sich beispielsweise als internationale Ausrede für den Unwillen zu körperlicher Annäherung etabliert. Das führt zu billigen Witzen: „Hier Schatz, dein Aspirin. – Aber ich habe doch gar keine Kopfschmerzen. – Klasse, dann können wir ja poppen.“ Und der Schlager „Heut’ Abend hab’ ich Kopfweh“ von Ireen Sheer konnte sich sogar über Wochen in den Charts halten und gehört wahrscheinlich heute noch zum Standardrepertoire jedes Kegelclubausflugs.

Der Kopfschmerz ist eine akzeptierte, kurzzeitige Unpässlichkeit, mehr aber auch nicht. Er darf hier sogar als Ausrede und Entschuldigung herhalten. Er wird als Folge übermäßigen Alkoholkonsums toleriert, nicht jedoch als ernsthafte Krankheit wahrgenommen.

Dummerweise handelt es sich natürlich in beiden Fällen um Kopfschmerzen. Trotzdem ist dieser Begriff und seine teilweise skurrilen sozialen Verwurzelungen schuld an der Verharmlosung und damit der mangelnden Akzeptanz als schwerwiegende Krankheit. Mir persönlich wäre es wesentlich lieber gewesen, wenn die WHO in ihren Diagnoseklassifikationen statt Clusterkopfschmerz den Begriff Erythroprosopalgie gewählt hätte.

Auf die Frage, welche Krankheit man hat, erlebt der Antwortende deutliche Unterschiede in der Intensität der Betroffenheit. Eine Krebserkrankung löst immer eine sehr große Betroffenheit aus. Parkinson oder Multiple Sklerose ebenfalls. Denn hier entsteht spontan der Gedanke „Gott sei Dank habe ich das nicht“ in den Köpfen. Und genau das funktioniert mit dem Begriff Kopfschmerz nicht. Der initiale Gedanke hier lautet eher: „Hatte ich auch schon mal.“ Dieser kleine Unterschied in der Wahrnehmung und der Reaktion des Gegenübers hat in seiner Summe sehr große Auswirkungen auf den Kranken.

Aus diesem Teufelskreis gibt es kein Entkommen – blöde Krankheit ausgesucht. Immerhin hat sich der Umstand durch Öffentlichkeitsarbeit und damit einhergehende Aufklärung ein wenig gebessert.

Krawall

Es gibt ein Merkmal, welches den Clusterkopfschmerz von wahrscheinlich allen anderen Kopfschmerzarten unterscheidet. Die Unruhe!

Nein, ich möchte mich nicht hinlegen. Und ich möchte auch nicht meine Ruhe haben. Was ich in dem Moment jedoch will, ist allein zu sein. Ich will nicht, dass mich jemand so sieht. Im Moment, da ich Schmerzen habe, fühle ich mich nackt und verletzlich. In diesem Moment will ich mit mir alleine sein und fordere das in der Situation womöglich überdeutlich bis barsch ein. Es fällt schwer, nett zu sein, während man das Gefühl hat, dass ein glühendes Messer im Auge steckt.

Über die Jahre habe ich gelernt, die motorische Unruhe zu kontrollieren, da diese die Schmerzen eher intensiviert. Heute versuche ich, nur die Muskeln anzuspannen, die unbedingt nötig sind. Und auf keinen Fall zu verkrampfen. Hier helfen mir die Strategien des Yoga.

Aber die Neigung, auf den Schmerz mit Gegenschmerz zu antworten, ist tief verwurzelt. Jede Attacke hält die Erinnerungen an Zeiten wach, in denen mir noch keine Medikamente zur Linderung zur Verfügung standen und ich dem Tosen in meinem Schädel für Stunden ausgesetzt war. Manchmal spüre ich noch die schmerzenden Fingerknöchel, welche früher blutig waren, wenn ich während der Attacke mit der Faust gegen die Wand geschlagen habe. Mit diesem Hintergrund wird man kein zahmes Lamm. Es entwickelt sich eher eine Neigung zum Krawallbruder.

Diese Energie kann man nutzen, um sich über alles und jeden aufzuregen. Gründe dafür gibt es ja genug. Ärzte, die einem nicht helfen können, Freunde, die einen nicht verstehen, und Arbeitsplätze, die man verloren hat. Man hat indes nicht viel davon. Aber auch ich habe lange Zeit für diese Einsicht gebraucht. Heute versuche ich, die Energie zu sammeln und zu bündeln, um im richtigen Moment wieder aufzustehen.

Sollte ich jedoch bei einer Gelegenheit, da ich nicht sofort flüchten kann, eine Attacke haben und mir wird die berüchtigte Frage gestellt: „Geht es dir nicht gut? Willst du dich hinlegen?“, so muss ich mich immer noch sehr zurückhalten, um einfach nur „Nein“ zu sagen und nicht unverhältnismäßig zurückzubellen.

In eine ähnliche Richtung geht die oftmals geäußerte Vermutung, dass die Kopfschmerzen psychosomatische Ursachen haben.

Zitat: „Bedrückt dich eigentlich sonst etwas, was den Kopf ärgern könnte?“

Fast alles, was mich bedrückt, ist, dass ich ständig Kopfschmerzen habe. Auch wenn es gut, lieb und ernst gemeint ist. ES NERVT! Niemand käme auf die Idee, mir solche Fragen zu stellen und entsprechende Vorschläge zu unterbreiten, wenn ich einen anständigen Krebs, Multiple Sklerose oder Parkinson hätte.

Die ständigen Kopfschmerzen können durchaus Grundlage für weitere vielfältige Beschwerden sein. Die Kopfschmerzen selber hingegen haben keine psychischen Ursachen. Dessen bin ich mir seit Jahren absolut sicher. Zu oft habe ich Attacken zu Zeitpunkten, wo diese gar nicht hingehören.

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